Am Ende der Götterdämmerung: Die stille Revolution hat begonnen

by | 2.07.2018 | Film, Rezension

Die Pyramiden stürzen ein. Das alte System der Hierarchien von oben nach unten hat ausgedient. Die Welt der Führungskräfte in den Unternehmen wankt und bröckelt. So erzählt es der Film »Die stille Revolution« von Christian Gründling und bringt damit eine längst überfällige Diskussion ins Rollen, die uns alle angeht. Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Bodo Janssen, der die Hauptfigur ist, und am Beispiel seiner Hotelkette Upstalsboom beleuchtet der Film einen Umbruch in der Unternehmenskultur und insbesondere der traditionellen Mitarbeiterführung. Und dieser Wandel wird unsere Arbeitswelt gewaltig verändern.

In langsam schwenkenden Bildern schweben wir über dichte Baumkronen, tauchen in tiefblaue Wellen oder durchstreifen die kargen Felder eines Gebirges. Was wie eine zeitlose Traumreise wirkt, ist das Bildergerüst des Films, um der geschäftigen Hektik der Unternehmerwelt eine Ruhe entgegenzusetzen, unser bisheriges Verständnis von Arbeit und Wirtschaften zu hinterfragen – und es dann in stiller Erneuerung zu revolutionieren.

Aber warum ist das nötig? Darauf geben neben Bodo Janssen und seinen Mitarbeitern zahlreiche Akteure aus unterschiedlichen Bereichen spannende Antworten: vom dm-Gründer Götz Werner, über die Trendexpertin Birgit Gebhardt, bis zum Neurobiologen Gerald Hüther. Und sie alle verkünden: Das alte Modell funktioniert nicht mehr.

Götz Werner nennt es die »Götterdämmerung des Materialismus«. Wir sind mitten in einem Wandlungsprozess, der so allumfassend ist, wie einst die Entwicklung von der Agrar- zur Industriegesellschaft. In unserer digitalisierten und globalisierten Welt entstehen völlig neue Anforderungen, denen die alten Strukturen von Unternehmen nicht mehr gewachsen sind. Diese stammen noch aus preußischer Prägung und wirken seit der Industrialisierung fort. Damals war es für den reibungslosen Ablauf in der Produktion notwendig, dass wenige Führungskräfte autoritär über viele Arbeiter verfügten, damit jede Schraube an ihrem richtigen Platz saß. Dieser Drill sitzt im Denken vieler Unternehmer, die nur auf Daten, Zahlen und Effizienz schauen, als hätte sich die Arbeitswelt in hundert Jahren nicht verändert.

So hat es auch Bodo Janssen früher gemacht. Und er musste durch eine niederschmetternde Mitarbeiterbefragung seiner Hotelkette feststellen, dass das nichts mehr mit dem Verständnis vieler Menschen von Arbeit zu tun hat. Sie wollen eine Bedeutung finden in dem, was sie tun. Ihre Talente zur freien Entfaltung bringen und dafür eine Wertschätzung erfahren. Die Suche nach dem Sinn, dem Know-why unseres Handelns, hat das Know-how übertrumpft. Warum tun wir, was wir tun? Was muss wirklich sein? Was brauchen wir und was können wir getrost weglassen? Wem das nach nebensächlichem Kitsch klingt, der wird sich wundern, wie wichtig diese Werte heute sind, und alte Statussymbole wie glänzende Autos oder stattliche Häuser längst überholt haben. Denn, so Gerald Hüther, arbeiten gehen für Geld ist eine abstrakte und selbstentfremdete Art zu leben. Weil materieller Reichtum an sich keinen Sinn stiften kann.

Die erste Einblendung im Film berichtet von einer Studie, nach der 97 Prozent aller Führungskräfte sich selbst für eine gute Führungskraft halten. Nach dem alten Verständnis mag das stimmen. Aber die neuen Herausforderungen der Arbeitswelt bauen immer mehr auf eine direkte Vernetzung von Wissen und Können, und immer weniger auf eben jene Pyramidenstruktur, wo oben einer alle Entscheidungen trifft, obwohl das unten viele in ihren Kompetenzbereichen weit besser könnten. Und das kollidiert mit dem bisherigen Führungsmodell. Die Akteure des Films erklären die Machterhaltung der alten Führungsrolle zum Hauptwiderstand gegen innovative Ansätze. Wenn der Manager Beschlüsse nicht fasst, um für das gesamte Unternehmen oder sogar die Gesellschaft einen Mehrwert zu erzeugen, sondern weil es seinen Status festigt.

Dabei können Führungskräfte erkennen, welche Chancen die Entwicklung zu einer Wissensgesellschaft bietet, in der Mitarbeiter nach unkonventionellen Ideen und echtem Sinn suchen. Also das Gegenteil vom bloßen Funktionieren. Für Götz Werner ist die Sache klar: »Die Hauptaufgabe des Managers ist nicht die Aktion, sondern die Reflektion.« Jetzt wirken die entschleunigten Filmsequenzen, die von der notwendigen Stille dieses Wandels sprechen. Ruhe, Ausatmen und Umherschauen können neue Werkzeuge sein. Doch worauf alle Interviewten pochen: ein neues Menschenbild zulassen. Erkennen, was die Menschen wirklich antreibt, etwas zu tun. Daran erinnert Van Bo Le-Mentzel, der sich als Zukunftsarchitekt vorstellt: »Vergesst nicht, dass wir alle Kinder sind, die spielen wollen.« Darauf vertrauen, dass Menschen von Natur aus neugierig sind, sich einbringen und etwas wertvolles für ihr Umfeld erschaffen möchten. Wenn man sie lässt. Wenn man seine Mitarbeiter ermutigt, sich wieder als geistiges und geniales Wesen wahrzunehmen, das imstande ist mitzudenken, eigene Ansätze zu entwickeln und selbstverantwortlich Entscheidungen zu treffen. Diese neue Form der Mitarbeiterführung beruht nicht mehr auf Angst, Misstrauen und Kontrolle, sondern begegnet allen auf Augenhöhe und in gegenseitiger Wertschätzung – und birgt ungeahnte Potenziale, die über das Unternehmen hinaus auch gesellschaftlich wirken können.

Diesen wagemutigen Sprung vollzieht Janssen im Film, indem er samt Businessanzug ins kalte Meer springt. Ins Ungewisse lässt er sich treiben, aber auch in das erfrischend Unkonventionelle. Und plötzlich versteht er, dass sein Unternehmen nicht aus der einen Führungsfigur besteht, sondern aus einem Netz von Individuen, die mit unterschiedlichen Potenzialen zusammenwirken. Daraus entwickelt Janssen seinen Leitsatz: »Mitarbeiterführung ist eine Dienstleistung.« Der Manager steht im Dienst seiner Mitarbeiter. Wirtschaftlicher Erfolg kommt nicht mehr an oberster Stelle, sondern er wird zur Grundlage der freien Entfaltung aller Beteiligten. Unternehmen, die auf diese Weise Erfolg neu definieren, werden nicht trotzdem auch wirtschaftlich erfolgreich sein, sondern gerade deshalb. Nicht mehr der Mensch ist Mittel zum Zweck Unternehmenserfolg, sondern umgekehrt: das Unternehmen hat den Zweck, Menschenerfolg zu ermöglichen. Die Pyramide steht auf dem Kopf.

Ein Verfechter dieser Idee geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er vorschlägt, den Menschen nicht mehr zu normieren, indem man ihn in einen vorgefertigten Arbeitsplatz mit spezifischem Anforderungsprofil presst. Stattdessen kann das Unternehmen seine Struktur um die Talente und Potenziale der Mitarbeiter herum aufbauen, damit ein lebendiges Biotop von vernetzem Wissen und Können gedeiht. So kann der Unternehmer auch sich selbst die Freiheit gewähren, seine allwissende Rolle abzulegen, sich ganz authentisch zu zeigen, mit allen Schwächen und Fragen. Denn er kann auf seine Mitarbeiter vertrauen, die neben, hinter und vor ihm die Unternehmung aktiv mitgestalten.

Nach den desaströsen Ergebnissen der Mitarbeiterbefragung bei Upstalsboom bezieht Janssen jeden Mitarbeiter in den Prozess der Neuausrichtung ein, vom Rezeptionisten bis zur Hotelmanagerin. Und er stellt alle Fakten ungeschönt in den Raum. Manche Führungskraft wirft daraufhin das Handtuch. Zuviel Wagnis, zuviel Freiraum. Janssen aber bleibt bei seinem neuen Leitsatz, vertraut wichtige Entscheidungen seinen Mitarbeitern an und ermutigt sie, auf ihre eigene Weise die Aufgaben anzugehen. Und er zeigt einer Gruppe junger Auszubildender, wieviel Potenzial in ihnen steckt, als er gemeinsam mit ihnen den Kilimandscharo in Tansania besteigt – ein Bergmassiv von knapp 6000 Metern Höhe. Sicher, ein extravagantes Projekt, aber ein fruchtbares. Alle gehen dabei an ihre Grenzen und ein Stück darüber hinaus. Die Luft ist dünn, der Weg windet sich endlos. Aber sie haben ihr Ziel vor Augen, machen sich gegenseitig Mut, haken sich ein. Und dann stehen sie ganz oben. Erleben mit allen Sinnen, dass sie zu soviel mehr fähig sind, als sie selbst glaubten. Eine Teilnehmerin bemerkt mit Tränen in den Augen, wie sie beim Einstieg ins Berufsleben immer zu hören bekam, was sie alles nicht kann – und jetzt spürt sie endlich ihre innere Kraft.

Für angehende sowie erfahrene Unternehmer, die sich den neuen Herausforderungen öffnen, bietet der Film unkonventionelle Denkanstöße für die Möglichkeiten unseres zukünftigen Wirtschaftens, welche für viele noch nebulös wirken. Sicher ruft der Film erstmal inneren Widerstand hervor und dutzende ängstliche Fragen auf. Wird das funktionieren? Rennen wir nicht in eine Sackgasse? Was ist, wenn bei allem Sinn die Zahlen nicht stimmen? Und so weiter. Aber ein Erneuern bringt immer Ungewissheit mit sich. Sobald man sich für eine Idee begeistert, weil sie eine Aussicht in die Zukunft zeigt, wird man Wege zur Umsetzung finden.

Zurück zu den zeitlos langsamen Bildern. Immer wieder ziehen sie mit sanfter Bremse an dem erlernten Impuls, sofort und ohne Rast neue Entscheidungen zu treffen. Stattdessen nachdenkliche Mienen, die innehalten, beim Betrachten der Situation verweilen. Einer Situation, die von Menschen gemacht ist, und die von uns Menschen neu gestaltet werden kann. Ein Aufruf im Film hallt lange nach: Wir müssen aufhören zu glänzen und anfangen zu leuchten. Der schöne, moderne Anstrich ist nur eine Hülle, unter der man mit der alten Haltung weitermachen möchte. Aber nur wenn wir diese innere Haltung hinterfragen und verändern, werden wir in die Zukunft leuchten können. Und eine Führungskraft von Upstalsboom resümiert: »Eins habe ich gelernt. Dass viele Dinge ganz viel Zeit brauchen, um zu reifen.« Erlauben wir uns diese Zeit?